Fliehburgen im Hainich
In den weiten Waldflächen des Hainich verbergen sich 4 Flieh- oder Fluchtburgen: die nur dem Namen nach noch bekannte Thiemsburg bei Craula, der Burgberg bei Berka, die kaum zu erkennende Höhneburg bei Hallungen und der äußerst imposante Heyeröder Sommerstein.
Fliehburgen haben wenig mit der landläufigen Vorstellung von steinernen Ritterburgen zu tun. Ganze Dörfer zogen bei Gefahr mit ihrem Vieh zu versteckt gelegenen, gut zu verteidigenden Naturorten. Möglichst durch Wasser oder steile Abhänge an einigen Seiten geschützt, musste meist nur eine Seite befestigt und verteidigt werden. In der Nähe musste es Wasser geben. War die Gefahr dann nach Tagen oder Wochen vorbei, zogen die Flüchtlinge wieder in ihr Dorf zurück und überließen die Fliehburg wieder der Einsamkeit.
Bei den Fliehburgen des Hainich wurde die Befestigungen vermutlich als Graben-Wall-Palisaden-System angelegt. Auf hervorspringenden Bergspornen wurde ein Graben von vielleicht 2 m Breite und Tiefe quer über den Bergrücken gegraben. Der Aushub, im Hainich sehr steinig, wurde auf der zu schützenden Seite als Wall angehäuft. Gräben und Wälle sind heute noch mehr oder minder gut zu sehen. Die vermuteten Holzpalisaden auf der Wallkrone sind heute vergangen, über ihr genaues Aussehen kann keine Aussage gemacht werden.
Thiemsburg
Von der Thiemsburg bei Craula ist nur noch der Name für ein beliebtes Ausflugsziel im Hainich geblieben. Im Umfeld der Gebäude aus dem 20.Jh. sind einige Wälle erahnbar, allerdings gibt es dort auch etliche Erdbewegungen aus NVA-Zeiten.
Berkaer Burgberg
Im Tal beim Wanderparkplatz Sulzrieden lag einst eine kleine Siedlung, Klein Berka oder Sulzrieden genannt. Ausgrabungen weisen darauf hin, dass hier möglicherweise in fränkischer Zeit Slawen siedelten (einer der westlichsten Siedlungsorte der Slawen!). Auf dem naheliegenden Burgberg sind versteckt zwei nur noch schwach sichtbare Wallgräben zu finden. Waren das Befestigungsanlagen für die Bauern aus Klein Berka? Vermutlich. Die Lage dieser Fliehburg ist insgesamt nicht allzu unangreifbar. Für eine Festung der Slawen tief im damaligen Frankenland wäre die Anlage zu dürftig.
Bitte beachten Sie: Der Burgberg liegt tief im Nationalpark abseits der Wege. Wegen des Wegegebots kann die Burg nicht ohne Führung aufgesucht werden!
Höhneburg
Die Höhneburg oberhalb Hallungen, in einem Waldstreifen etwas außerhalb des Hainich gelegen, ist die am schlechtesten erhaltene Fliehburg und schwer zu finden. Die Gräben sind nicht mehr erkennbar, die Steinwälle scheinen auf ersten Blick eher Lesesteinhaufen moderner Landwirtschaft zu sein. Auch die Lage verspricht auf ersten Blick keinen Schutz.
Erst wenn die Steinhaufen abgeht, erkennt man ein System mit Vorhof und Haupthof und wird sich klar, dass die Abgelegenheit der Hauptschutz der Höhneburg war.
Die Höhneburg war sicher mittelalterliche Fliehburg für Hallungen, das letzte Dorf der Landgrafen vor der Grenze zum "räuberischen Eichsfeld". Insofern passt auch die Fluchtrichtung und die Verteidigungsrichtung zur Hochfläche zwischen Heyerode, Treffurt und Nazza. Vielleicht hängt die Anlage aber auch mit der Wüstung "Dudelkirchen" (siehe auch Dudelberg, ehem. Gut Taubenthal) zusammen.
Sommerstein
Der Sommerstein oberhalb des Waldbades Hallungen Ritzenhausen, schon beinahe auf Heyeröder Territorium, ist die besterhaltenste Fliehburg des Hainich und zeichnet sich durch imposante Lage auf einem schmalen, fast senkrecht abfallendem Felssporn aus. Noch heute hält man die Luft an, wenn man an den Abgrund tritt und einem der Wind um die Ohren heult. Von der ehemaligen Fliehburg sind mehrere Wallgräben noch gut erhalten. Während die Wälle der Vorburg sich noch recht breit über die Hochfläche des Hainich ziehen, sperren mehrere Grabenwälle der Hauptburg den Felsengrat des Bergsporns an seiner engsten Stelle. Man kann man sich die Verteidigung leicht vorstellen: Wahrscheinlich konnten schon wenige Männer mit einfachen Waffen den Zugang zur eigentlichen Fliehburg versperren. Ihre Familien suchten mit Hab und Gut Unterschlupf in einer großen natürlichen Bergspalte und hatten so Sicht- und Wetterschutz. Am Fuße des Sommersteins fließt der Lämpertsbach, aus dem selbst bei Belagerung sicher wenigstens nachts Wasser geholt werden konnte. Eine gute Wahl, die Sommersteinburg.
Wer jedoch die Fliehburg nutzte, kann nur gemutmaßt werden. Direkt unterhalb des Sommersteins lag die Ortschaft Ritzenhausen, wahrscheinlich etwas oberhalb des heutigen Schwimmbades. Ritzenhausen tief im Hainich dürfte wie Hallungen und Heyerode erst mit der letzten Siedlungswelle (13./14.Jh.) gegründet worden sein und fiel schon bald wieder wüst. Das kleine Ritzenhäuser Tal bot wohl nur wenigen Menschen Nahrung und lag damals genau in der Grenzzone zwischen den mächtigen Thüringer Landgrafen und den nicht minder mächtigen Erzbischof von Mainz. Nötig hatten die Bewohner bei den dauernden Grenzhändeln eine Fliehburg ganz sicher. Fraglich ist aber, ob die wenigen Ritzenhausener eine solch große Anlage errichten konnten.
Vielleicht geht aber auch die alte Heyeröder Tradition der Sommerfrische zum Sommerstein (Ernst Mehler, Heyerode: "Der Sommerstein") auf uralte Gewohnheiten zurück. Heyerode war wohl von Anfang an etwas größer als Ritzenhausen und hätte mit mehr Leuten mehr bewirken können. Zwar sind es einige Kilometer von Heyerode bis zum Sommerstein. Doch das wäre der Verborgenheit wegen gar nicht so verkehrt gewesen. Allerdings war Heyerode damals ein sehr sehr armes Dorf und es fragt sich, ob die Heyeröder es sich leisten konnten, Männer zum Fliehburgenbau abzustellen.
Dem Namen nach ganz anders mögen die Verhältnisse im sagenhaften Ort "Reichensachsen" gewesen sein. Reichensachsen soll im Seitental an der Untermühle Richtung Schierschwende gelegen haben und lag also ebenfalls direkt am Sommerstein. Diese Siedlung bestand neueren Ansichten nach vielleicht schon in der fränkischen Periode im 9.Jh. und fiel bereits um 1300 wüst. Die Lage an einer uralten Handelsstraße aus dem niedersächsischen Raum über Eisenach in den Würzburger Raum, damals beides wichtige fränkische Machtzentren, könnte zum Namen "Reichen"sachsen beigetragen haben und auch die Notwendigkeit eines Verstecks erklären.
Leider gibt es über Reichensachsen/Heyerode genauso wenig Informationen wie über die Fliehburg Sommerstein oder gar die anderen Fliehburgen. Man kann jedoch ein deutliches Stück erahnen, wenn man die Fliehburgen in der freien Natur aufsucht und offenen Auges betrachtet. Beste Gelegenheit dazu ist die Wanderung des Naturparks am Samstag, den 28.Aug., von Heyerode nach Nazza, auf der gleich zu 4 Befestigungsanlagen des Hainich gewandert wird und die graue Theorie vor Ort erläutert werden kann. Nähere Infos zur Wanderung unter www.hainichwanderer.de